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Vertiefung

Wie viele Hüllen
hat ein Mensch?

Drei, vier, fünf, sieben: Fast jede Kultur hat den Menschen in Schichten gedacht. Und tatsächlich umgibt uns mehr als die Haut, nur anders als gedacht.

01
Die Idee

Mehr als Haut

Die Haut ist die sichtbare Grenze des Körpers. Aber jeder kennt Momente, in denen die Grenze weiter draußen liegt: wenn jemand zu nah steht, wenn man einen Blick im Nacken spürt, wenn ein Raum „dicke Luft“ hat.

Aus solchen Erfahrungen wachsen seit Jahrtausenden Modelle, die den Menschen als Zwiebel denken: innen der Körper, darum eine Lebenskraft, dann Gefühle, dann Denken, außen oder ganz innen der Geist. Die Zahl der Schichten wechselt, die Richtung bleibt erstaunlich ähnlich: von grob zu fein, von sterblich zu unsterblich.

Die Aura der Esoterik ist die jüngste Form dieser Idee. Sie macht aus den unsichtbaren Schichten etwas, das man angeblich sehen, fotografieren und behandeln kann. Diese Seite folgt beiden Spuren: den geglaubten Hüllen und denen, die sich tatsächlich messen lassen.

02
Zeitreise

Schichten durch die Jahrtausende

Altes Ägypten

Ka, Ba und Ach

Die Ägypter dachten den Menschen aus mehreren Teilen. Das Ka ist die Lebenskraft, ein Doppelgänger, der von Opfergaben lebt. Das Ba, oft als Vogel mit Menschenkopf gezeigt, kann zwischen Grab und Welt reisen. Werden die richtigen Riten vollzogen, vereinen sie sich nach dem Tod zum Ach, dem „wirksamen“ verklärten Geist.

3 Seelenteile
Upanishaden

Die fünf Koshas

Die Taittiriya-Upanishad beschreibt fünf Hüllen um das Selbst, von grob nach fein: die Nahrungshülle (der Körper), die Hülle des Atems und der Lebenskraft, die Hülle des Geistes und der Sinne, die Hülle der Erkenntnis und innen die Hülle der Glückseligkeit. Oft wird das Bild einer Zwiebel dafür benutzt.

5 Hüllen
Chinesische Medizin

Wei Qi, die Abwehr-Energie

In der traditionellen chinesischen Medizin kreist das Wei Qi zwischen Haut und Muskeln. Es soll den Körper gegen äußere Einflüsse wie Wind und Kälte schützen, die Poren öffnen und schließen und die Temperatur regeln: eine schützende Schicht an der Oberfläche.

1 Schutzschicht
5. Jh. · Proklos

Der Seelenwagen

Die Neuplatoniker dachten sich zwischen unsterblicher Seele und Körper „Fahrzeuge“ (griech. ochema). Proklos kennt ein lichtartiges, unsterbliches Gefährt und ein zweites aus pneuma, Hauch, das mit dem Körper vergeht. Hier taucht die Aura als Luft wieder auf.

Körper + 2 Gefährte
1880er · Blavatsky

Sieben Prinzipien

Helena Blavatsky verbindet indische Begriffe zu einem siebenfachen Menschen: dichter Körper, Ätherdoppel, Lebenskraft (Prana), Begierde (Kama), Denken (Manas), Weisheit (Buddhi) und reiner Geist (Atma). Die unteren vier sterben, die oberen drei bleiben. Fast jede spätere Aura-Lehre baut darauf auf.

7 Prinzipien
1904 · Steiner

Vier Glieder

Rudolf Steiner, zuvor Theosoph, ordnet den Menschen vierfach: physischer Leib, Ätherleib (Lebenskräfte), Astralleib (Empfindung und Begierde) und das Ich. In der Waldorfpädagogik und der anthroposophischen Medizin wirkt diese Gliederung bis heute.

4 Glieder
1911 · Kilner

Drei sichtbare Schichten

Der Londoner Arzt Walter J. Kilner beschreibt durch seine Farbstoffschirme ein Ätherdoppel dicht an der Haut, eine innere und eine äußere Aura, die einige Zoll über den Körper reichen. Als Einziger gibt er Abstände an und hofft auf Diagnosen.

3 Schichten
1935 · Burr

Das „L-Feld“

Der Yale-Anatom Harold Saxton Burr misst mit empfindlichen Voltmetern Spannungen an Lebewesen und stellt eine „elektrodynamische Theorie des Lebens“ auf: Ein elektrisches Feld forme den Organismus. Die Messungen sind real, die weitreichende Deutung blieb ohne Bestätigung.

1 Feld
1987 · Brennan

Sieben Ebenen des Energiefelds

Barbara Ann Brennan beschreibt in Hands of Light sieben Schichten des „menschlichen Energiefeldes“, abwechselnd strukturiert und fließend, jede einem Chakra zugeordnet. Das Buch wird zur Grundlage vieler Energieheilungs-Schulen.

7 Schichten
1992 · NIH

Das „Biofeld“

Ein Ausschuss am neu gegründeten Büro für Alternativmedizin der US-Gesundheitsbehörde NIH prägt den Begriff „Biofeld“ für das Energiefeld, auf das Reiki, Therapeutic Touch und ähnliche Verfahren zielen. 1994 wird er Schlagwort der Medizindatenbank. Ein Wort, kein Nachweis.

1 Begriff
03
Modelle im Vergleich

Zwiebeln aus drei Kontinenten

    Ringe und Liste sind verbunden: Tippe auf eine Schicht, um sie hervorzuheben. Die Abstände der Ringe sind Darstellung, nicht Behauptung; außer Kilner nennt keines der Modelle Maße.

    04
    Entsprechungen

    Fünf Stufen, viele Namen

    Legt man die Modelle nebeneinander, zeigt sich ein gemeinsames Gerüst: Körper, Lebenskraft, Gefühl, Denken, Geist. Die Theosophie hat indische, griechische und christliche Begriffe bewusst auf dieses Raster gelegt, spätere Lehren übernahmen es.

    StufeUpanishadenNeuplatonismusBlavatskySteinerBrennan
    KörperAnnamaya · NahrungKörperSthula ShariraPhysischer Leib(Körper, nicht gezählt)
    LebenskraftPranamaya · AtemPneuma-GefährtLinga Sharira, PranaÄtherleibÄtherische Schicht
    GefühlManomaya · Geist & Sinneuntere SeeleKamaAstralleibEmotionale, astrale Schicht
    DenkenVijnanamaya · ErkenntnisVernunftseeleManasIchMentale Schicht
    GeistAnandamaya · GlückseligkeitLicht-GefährtBuddhi, Atma(Geistselbst u. a., spätere Gliederung)Himmlische, ketherische Schicht

    Die Zuordnung ist eine Vereinfachung. Innerhalb jeder Tradition gibt es abweichende Zählungen, und die Begriffe meinen im eigenen Zusammenhang nicht genau dasselbe.

    05
    Physik & Biologie

    Die Hüllen, die es wirklich gibt

    Um jeden Körper liegt tatsächlich etwas: warme Luft, Strahlung, Bakterien, schwache Felder, ein Hauch von Licht. Keine davon ist die Aura der Esoterik. Zusammen ergeben sie trotzdem eine erstaunliche Hülle.

    Die folgenden Schichten sind gemessen, veröffentlicht und nachprüfbar. Einige sieht man mit der richtigen Kamera, andere lassen sich nur mit Sensoren in abgeschirmten Räumen erfassen. Eine riecht man.

    06
    Selbst ausprobieren

    Wie nah ist zu nah?

    Schiebe den Punkt von der Haut nach außen. Die Karten zeigen, was dich in diesem Abstand umgibt, die Zahl, in welcher Zone nach Hall du dich befindest.

    5 cmintim
    07
    Der Test

    Ein Kind, ein Pappschirm

    1996 hatte die neunjährige Emily Rosa aus Colorado eine Frage für ihr Schulprojekt: Wenn Heilerinnen das Energiefeld eines Menschen spüren können, müssten sie dann nicht merken, über welcher ihrer Hände meine Hand ist?

    Die Methode hieß Therapeutic Touch. Sie wurde an Pflegeschulen gelehrt und versprach, das „Energiefeld“ von Patienten mit den Händen zu erspüren und auszugleichen, ohne sie zu berühren.

    Emily setzte sich hinter einen Schirm. 21 Praktizierende mit ein bis 27 Jahren Erfahrung streckten ihre Hände durch Öffnungen. Nach einem Münzwurf hielt Emily ihre Hand über die rechte oder die linke. In 280 Durchgängen lagen die Praktizierenden in 44 % der Fälle richtig, weniger als die 50 %, die Raten ergibt.

    1998 erschien die Studie im Journal of the American Medical Association. Emily war elf und gilt als jüngste Autorin, die je in einer begutachteten medizinischen Fachzeitschrift veröffentlicht hat.

    Nachgestellt · Du bist die Heilerin, der Heiler

    Hinter dem Schirm hält jemand eine Hand über deine linke oder rechte Hand. Spürst du das Feld? Tippe auf die Seite.

    0 / 0
    Noch keine Runde.
    08
    Deutung

    Warum das Bild der Zwiebel hält

    Erfahrung

    Wir spüren Grenzen

    Der Nahraum ist im Gehirn verankert, die Distanzzonen sind im Alltag spürbar, Wärme und Geruch anderer Menschen nehmen wir wahr, ohne darüber nachzudenken. Die Aura gibt diesem Gefühl eine Form.

    Ordnung

    Von grob zu fein

    Seit Platon wird der Mensch als Stufenleiter gedacht, vom sterblichen Körper zum unsterblichen Geist. Schichten machen diese Rangordnung räumlich: Außen das Vergängliche, innen oder oben das Bleibende.

    Sprache

    Wissenschaft als Kleid

    Seit dem 19. Jahrhundert tragen die Hüllen physikalische Namen: Äther, Feld, Energie, Frequenz. Die Begriffe klingen messbar. Sobald man sie misst, bleibt von der Aura aber nur das, was ohnehin da ist: Wärme, Licht, Luft.

    Trost

    Etwas bleibt

    Fast alle Modelle lassen die äußeren oder inneren Schichten den Tod überdauern. Das Ka, das Licht-Gefährt, Atma, das Ich. Die Hülle ist auch ein Versprechen.

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    Recherche

    Quellen