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Vertiefung

Die Farben
der Aura

Wer hat entschieden, dass Grün heilt und Violett erleuchtet? Eine Spurensuche durch 200 Jahre Farbdeutung.

01
Herkunft

Wie die Luft Farbe bekam

Die Aura der Antike war farblos: ein Hauch. Der Heiligenschein war golden, aber einfarbig. Die bunte, lesbare Aura, in der jede Farbe etwas über den Charakter verrät, ist eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts.

Sie entsteht, als drei Strömungen zusammentreffen. Die Physik hatte gerade entdeckt, dass es Strahlung jenseits des Sichtbaren gibt, Infrarot, Ultraviolett, später Röntgen und Radioaktivität. Der Spiritismus suchte nach Beweisen für eine unsichtbare Welt. Und die Theosophie, 1875 in New York gegründet, verband beides mit indischen und westlichen Geheimlehren.

Wenn es unsichtbare Strahlen gibt, so die Logik, warum nicht auch eine Strahlung der Seele? Und wenn Licht aus Farben besteht, dann müsste auch sie farbig sein. Aus dieser Verbindung von Wissenschaftssprache und Hellsicht entstehen die Farbtabellen, die bis heute in Aura-Büchern, Chakra-Postern und TikTok-Quizzen stehen, oft kaum verändert.

02
Stammbaum

Wer die Farben verteilt hat

1810

Goethe, Zur Farbenlehre

Kein Aura-Buch, aber die Wurzel vieler Deutungen. Im Kapitel über die „sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe“ ordnet Goethe den Farben Stimmungen zu: Gelb und Rotgelb auf der „Plusseite“ als regsam und warm, Blau auf der „Minusseite“ als kühl und sehnsüchtig. Steiner gab Goethes naturwissenschaftliche Schriften heraus.

1878

Babbitt, Principles of Light and Color

Der amerikanische „Magnetist“ Edwin Babbitt verschmolz Optik, Okkultismus und Heilkunde. Er beschrieb, welche Farben welche Krankheiten lindern, baute Farblampen zur Behandlung und las Gesundheit aus der Farbe der menschlichen Ausstrahlung. Er gilt als Urvater der Farbtherapie und beeinflusste die Theosophie.

1902

Leadbeater, Man Visible and Invisible

Das Buch, das die moderne Aura-Farbe prägt. Der Theosoph Charles W. Leadbeater zeigt farbige Tafeln von Menschen, „wie Hellsichtige sie sehen“, samt einem „Schlüssel zur Bedeutung der Farben“: Rot für Zorn, Braungrau für Selbstsucht, Gelb für Intellekt, Blau für religiöses Gefühl.

1904

Steiner, Theosophie

Rudolf Steiner beschreibt drei ineinander liegende Auren: eine vom Körper beeinflusste Triebaura, eine Seelenaura und eine Geistaura. Braun und Rotgelb stehen für Triebe, helles Gelb für klares Denken, Grün für Verständnis, Blau für Hingabe, Rosenrot für hingebungsvolle Liebe.

1905

Besant & Leadbeater, Thought-Forms

Gedanken als farbige Gebilde: Die Tafeln zeigen, wie Zorn als roter Blitz oder Hingabe als blaue Blüte aussehen soll. Das Buch wurde zur Bildquelle der frühen Abstraktion; Kandinsky setzt sich in Über das Geistige in der Kunst (1911/12) ausdrücklich mit der Theosophie auseinander.

1911

Kilner, The Human Atmosphere

Der Londoner Arzt wollte die Aura durch Glasschirme mit dem giftigen Farbstoff Dicyanin sichtbar machen. Er sah vor allem bläulich-graue Schleier in drei Schichten und hoffte auf Diagnosen. Das British Medical Journal schrieb 1912, Kilner habe nicht überzeugt, dass seine Aura wirklicher sei als Macbeths Dolch.

1927

Leadbeater, The Chakras

Leadbeater überträgt die indischen Chakren ins Westliche und gibt ihnen Farben nach eigener Hellsicht, aber noch keinen Regenbogen: Das Wurzelchakra ist feurig orangerot, das Herzchakra golden, das Halschakra silbrig blau.

1977

Hills, Nuclear Evolution

Christopher Hills legt den Regenbogen auf die sieben Chakren, Rot unten bis Violett oben. Diese Ordnung ist heute so selbstverständlich, dass sie oft für uralt gehalten wird. In indischen Quellen gibt es sie nicht.

1982

Tappe, Life Colors

Nancy Ann Tappe, die sich als Synästhetin bezeichnete, führt die „Lebensfarbe“ ein: eine Grundfarbe der Aura, die ein Leben lang bleibt. Sie prägt auch den Begriff der „Indigo-Kinder“.

1991

Oslie, Life Colors

Pamala Oslie macht daraus ein Persönlichkeitssystem mit vier Gruppen: körperliche Farben (Rot, Orange, Magenta, Gelb), mentale (Tan, Grün), emotionale (Blau, Violett, Lavendel, Kristall, Indigo) und Mischtypen. Es ist die direkte Vorlage heutiger Aura-Quizze.

~1990

AuraCam

Guy Coggins’ Kamera macht die Farben fotografierbar: Hautwerte der Hand werden in Farbwolken übersetzt, deren Bedeutung ein Team von Hellseherinnen und Hellsehern festgelegt hat. Das Bild ist echt, die Farbe ist ein Messwert in Verkleidung.

2024

TikTok & Aura-Gradients

Aura-Fotostudios, Farbfilter, „Indigo-Aura“-Moodboards und weiche Verlaufsbilder als Ästhetik. Die Farbtabellen von 1902 kommen als Selbsttest im Handyformat zurück.

03
Vergleich

Eine Farbe, sechs Deutungen

Wähle eine Farbe und sieh, was Goethe, die Theosophie, Steiner, die Chakra-Lehre, das Life-Colors-System und die empirische Farbpsychologie jeweils darin sehen.

Goethe und Steiner sinngemäß bzw. mit kurzen Zitaten, Leadbeater nach dem „Key to the Meanings of Colours“ (1902), Chakra nach dem Regenbogenschema (Hills 1977), Life Colors grob nach Oslie (1991), Farbpsychologie nach Jonauskaite u. a. (2020, über 4.500 Teilnehmende in 30 Ländern). Die Studie misst, was Menschen mit Farben verbinden, nicht was Farben „bedeuten“.

04
Chakren

Der Regenbogen ist jung

    Die Chakren stammen aus tantrischen Texten Indiens. Dort sind sie Lotosblüten mit Silben, Gottheiten und Elementen, und ihre Farben unterscheiden sich je nach Text und Schule. Eine feste Regenbogenfolge gibt es darin nicht. Der Westen kannte die Lehre vor allem über Arthur Avalons The Serpent Power (1919) und Leadbeater. Den Regenbogen setzten in den 1970ern Autoren wie Christopher Hills darauf, passend zu Newtons sieben Spektralfarben.

    05
    Schichten

    Wie viele Hüllen hat ein Mensch?

      Jedes Modell behauptet, die Aura unmittelbar gesehen zu haben, und doch widersprechen sie sich in Zahl, Reihenfolge und Farbe der Schichten.

      06
      Life Colors & Indigo

      Farbe als Persönlichkeit

      In den 1980ern verschiebt sich die Frage. Nicht mehr: Welche Farbe zeigt deine Aura gerade? Sondern: Welche Farbe bist du?

      Nancy Ann Tappe beschrieb die „Lebensfarbe“ als die eine Farbe der Aura, die bei den meisten Menschen „von der Wiege bis zur Bahre“ gleich bleibe. Ab den 1970ern sah sie zunehmend Kinder mit einer neuen, indigoblauen Farbe. Daraus wurde in den 1990ern die Bewegung der Indigo-Kinder: angeblich hochsensible, besonders begabte Kinder einer neuen Generation.

      Kritiker weisen darauf hin, dass die beschriebenen Merkmale oft denen von ADHS entsprechen. Die Umdeutung zur Gabe konnte dazu führen, dass Kinder keine Diagnose und keine Unterstützung bekamen. Studien, die Indigo-Kinder als eigene Gruppe belegen, gibt es nicht.

      Pamala Oslie machte aus Tappes Ansatz 1991 ein Typensystem, das wie ein Persönlichkeitstest funktioniert. Genau diese Form, ein paar Fragen und am Ende deine Farbe, lebt heute in Online-Quizzen weiter.

      Körperlich

      Rot · Orange · Magenta · Gelb

      Nach Oslie: erdverbunden, abenteuerlustig, unkonventionell, verspielt.

      Mental

      Tan · Grün

      Nach Oslie: logisch, strukturiert, zielstrebig, analytisch.

      Emotional

      Blau · Violett · Lavendel · Kristall · Indigo

      Nach Oslie: fürsorglich, visionär, fantasievoll, heilend, feinfühlig.

      07
      Wahrnehmung

      Warum man Farbsäume wirklich sieht

      Wer „Auren“ sieht, bildet sich nicht unbedingt etwas ein. Das Auge erzeugt selbst Farben und Säume, vor allem beim langen, ruhigen Hinsehen, genau so, wie Aura-Sehen meist geübt wird.

      Nachbilder: Starrt man lange auf eine Farbe, ermüden die dafür zuständigen Zapfen. Schaut man danach auf eine helle Fläche, erscheint die Gegenfarbe. Ein Mensch vor einer farbigen Wand hinterlässt so einen Saum in der Komplementärfarbe.

      Troxler-Effekt: Bei starrer Fixation verblassen ruhige Flächen im Randbereich des Sehens, Konturen beginnen zu flimmern und zu „leuchten“.

      Kantenkontrast: Das Sehsystem verstärkt Kanten. An der Grenze zwischen Körper und Hintergrund entsteht ein heller oder dunkler Streifen, der dort physikalisch nicht ist (Mach-Bänder).

      Erwartung: Wer weiß, welche Farbe „passen“ würde, deutet unscharfe Eindrücke entsprechend. Bei verdeckten Personen sehen Aura-Seher im Test nichts Zuverlässiges.

      Farbe:
      08
      Psychologie

      Warum jede Deutung passt

      1949 gab der Psychologe Bertram Forer 39 Studierenden einen Persönlichkeitstest und eine Woche später je eine „persönliche“ Auswertung.

      Alle bekamen denselben Text, großteils aus einem Astrologiebuch zusammengesetzt. Im Schnitt bewerteten sie die Treffsicherheit mit 4,26 von 5. Seitdem heißt die Neigung, allgemeine Aussagen als maßgeschneidert zu empfinden, Barnum- oder Forer-Effekt.

      Aura-Deutungen sind dafür wie gemacht: Sie sind freundlich, vage, enthalten Gegensätze („nach außen stark, innen verletzlich“) und kommen mit dem Glanz einer Messung. Probier es aus. Rechts steht eine Aura-Deutung. Sie wurde für niemanden geschrieben.

      Deine Aura-Deutung
      Violett mit goldenem Rand

      Du hast ein großes Bedürfnis, von anderen gemocht zu werden, gehst mit dir selbst aber oft zu kritisch um. Du hast ungenutzte Fähigkeiten, die du noch nicht zu deinem Vorteil eingesetzt hast.

      Nach außen wirkst du diszipliniert und kontrolliert, innerlich neigst du manchmal zu Sorgen und Unsicherheit. Du schätzt Abwechslung und wirst unruhig, wenn dich Regeln zu sehr einengen.

      Manchmal bist du gesellig und offen, manchmal eher zurückhaltend und in dich gekehrt.

      Wie gut trifft das auf dich zu?
      09
      Kultur

      Farben bedeuten nicht überall dasselbe

      Aura-Farbtabellen tun so, als wäre die Bedeutung einer Farbe ein Naturgesetz. Die Forschung zeigt: Manches ist verbreitet, vieles ist Kultur.

      Eine Studie mit über 4.500 Menschen in 30 Ländern (Jonauskaite u. a., 2020) fand erstaunlich ähnliche Muster: Rot wird fast überall mit Liebe und Wut verbunden, Gelb mit Freude, Schwarz mit Trauer. Zugleich war Rot die umstrittenste Farbe, und die Zuordnungen hingen davon ab, wie nah sich Sprachen und Regionen sind.

      Schon die Frage, wie viele Farben es gibt, beantworten Sprachen unterschiedlich. Berlin und Kay verglichen 1969 fast hundert Sprachen und fanden bis zu elf Grundfarbwörter. Viele Sprachen haben weniger, manche trennen Blau und Grün nicht.

      Weiß

      Hochzeit oder Trauer

      In Europa die Farbe der Braut, in der chinesischen Tradition die Farbe der Trauer: Bei Beerdigungen tragen Angehörige Weiß.

      Rot

      Glück oder Gefahr

      In China Glück und Feste, in vielen westlichen Kontexten Warnung und Leidenschaft. In der Studie verbanden chinesische Teilnehmende Rot zusätzlich mit Freude, nigerianische auch mit Angst.

      Violett

      Macht durch Seltenheit

      Purpur war in der Antike extrem teuer und wurde zur Farbe von Kaisern und Kirche. Die „spirituelle“ Aura-Farbe Violett erbt diesen Glanz.

      Blau

      Eine späte Farbe

      Viele alte Sprachen hatten lange kein eigenes Wort für Blau. Heute ist Blau in Umfragen weltweit die beliebteste Farbe.

      10
      Nachleben

      Von der Aura zur Farbpsychologie

      Der Aufsatz The arcane roots of colour psychology, chromotherapy, and colour forecasting in der Fachzeitschrift Color Research & Application verfolgt eine überraschende Linie: Spiritismus und Theosophie gaben der Farbe enorme Macht über Körper und Seele. Diese Idee wanderte über Babbitt in die Farbtherapie und von dort in populäre Farbpsychologie und kommerzielle Farbtrendprognosen.

      Allen gemeinsam ist der Glaube an eine feste, natürliche Ordnung der Farben, die für Gesundheit wie für Kaufentscheidungen gelte. Wenn heute eine Marke Grün für „Natürlichkeit“ und Blau für „Vertrauen“ wählt, steckt darin auch ein Rest der theosophischen Farbtafel.

      Kunst

      Die Tafeln aus Thought-Forms beeinflussten die frühe Abstraktion. Hilma af Klint arbeitete in einem spiritistisch-theosophischen Umfeld, Kandinsky schrieb über den „inneren Klang“ der Farben.

      Kamera

      Aura-Fotostudios erleben seit einigen Jahren ein Revival bei Events, in Pop-up-Läden und auf TikTok. Das Polaroid ist echte Fotografie; die Farbe ist eine gestaltete Übersetzung von Hautwerten.

      Design

      „Aura-Gradients“, weiche, verschwommene Farbverläufe, sind eine eigene Bildsprache für Wallpaper, Marken und Social Media. Auch diese Seite benutzt sie. Die Aura ist zum Stil geworden.

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      Recherche

      Quellen